Die Entwicklungsgeschichte

von Wurfholz und Bumerang

Versuch eines kulturhistorischen Überblicks auf Grundlage der Dissertation von J. E. J. Lenoch „Wurfholz und Bumerang"; Wien, 1949
LENOCH versucht in seiner Dissertation die kulturhistorischen Grundlagen und Beziehungen eines Kulturelementes, des Wurfholzes, zu erarbeiten und dabei sowohl zeitliche als auch räumliche Aspekte zu berücksichtigen und miteinander zu verbinden. Das 1. Kapitel in LENOCHs Arbeit beschäftigt sich damit, die Begriffe Wurfholz und Bumerang voneinander abzugrenzen. Die folgenden Kapitel sind geographisch nach Ländern und Regionen geordnet.
Zur Entstehung, Entwicklung und Begriffsbestimmung von Wurfholz und Bumerang
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Der Gebrauch des Wurfholzes ist seit der Jungsteinzeit (ab ca. 5000 v.Chr.) durch Felsmalereien belegt. Funde aus dieser Zeit sind schwer als Einzelnachweise tauglich, da Holzgeräte durch Jahrtausende nur schwer zu erhalten sind. In erster Linie war das Wurfholz eine Jagdwaffe (Fernwaffe, Flugwaffe) zum Jagen von Hasen und Flugwild sowie anderem Kleintier. Die Verwendung als Kampfwaffe spielte eine untergeordnete Rolle.

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Es verlor seinen Charakter als Kampfwaffe, sobald die Kultur eine höhere Entwicklungsstufe erreichte. Das Wurfholz entwickelte sich an mehreren Stellen der Erde unabhängig voneinander. LENOCH geht bei seinen Untersuchungen davon aus, daß ein Untersuchungsgegenstand (wie Wurfholz bzw. Bumerang) durch Funktion, Form und Material bestimmt wird. Die Entstehung von Wurfholz und Bumerang ist damit unmittelbar mit den jeweiligen Umweltbedingungen und dem Entwicklungsstand des entsprechenden Volkes verknüpft.
LENOCH beschreibt das Wurfholz wie folgt: „Das Wurfholz ist ein flugfähiges, gekrümmtes Holzstück mit oder ohne Griffbildung. Es wird in der Regel geworfen, wobei es in der Luft rotiert, kann aber gelegentlich auch zum Schlag benutzt werden. Im Gegensatz zur Wurfkeule kennt das Wurfholz keine Konzentration der Treffwirkung. Nur die zum Werfer zurückkehrende Variante heißt Bumerang."
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Mit seiner Beschreibung des Gerätes grenzt LENOCH den Begriff „Wurfholz" von anderen Begriffen wie „Wurfkeule" oder „Wurfstock" ab. Bei der Wurfkeule ist die Trefferwirkung meist im distalen Ende konzentriert, während der Wurfstock ein   beim Wurf rotierender, gerader, meist an beiden Seiten zugespitzter und mit der Spitze einschlagender Stab aus hartem Holz ist.

 

Unter Bumerang wird die Spiel- und Sportvariante des Wurfholzes verstanden, mit der ein Kehrwiederwurf ausgeführt werden kann. Der Ursprung des Namens bleibt im Dunkeln, obwohl LENOCH auf einige etymologische Versuche eingeht.

Bereits im zweiten Kapitel über Europa kommt LENOCH zu einem unserer Meinung nach entscheidenden Ergebnis, in dem er festlegt, wo die historischen Ursprünge des Bumerangs zu lokalisieren sind. Wir haben uns aus diesem Grunde an dieser Stelle nicht allein mit der Niederschrift von LENOCHS Darstellungen begnügt, sondern sind seinen Quellentexten nachgegangen, um die Beweiskraft seiner Kernaussage zu hinterfragen. Im Anschluß schildern wir seinen geographischen Abriß.

Die Erfindung des Bumerangs wird allgemein den Australiern zugesprochen, jedoch ist sie nach LENOCHs Ansicht eher für Indien und den alten Orient wahrscheinlich und für Alteuropa sogar erwiesen. Er bezieht sich damit auf zwei historische Texte, im wesentlichen aber auf den von ISODORUS HISPALENSIS, dem damaligen Bischof von Sevilla. Dieser schrieb im 7.Jhdt. in seinen „ORIGINES":

Die Begriffe in Klammern weisen auf abweichende Textstellen zum Originaltext der „ISODORI" hin. Eine mögliche Übersetzung des Textes - hier von Beate Rodenberg - lautet:
Der clava (Stock) - so beschaffen wie der des Hercules - ist er genannt worden, weil er mit eisernen Keulen auf beiden Seiten befestigt wurde; er hat eine Länge von einer halben Elle . Dies ist die cateia (Wurfkeule), die Horaz caia (Prügel) nannte. Es gibt nämlich eine Art eines gallischen Geschosses aus sehr biegsamen (trägem) Material, das, wenn es geworfen wird, nicht lange fliegt, weil es so schwer ist, aber dennoch dort ankommt, und das nur mit viel Kraft zerbricht; wenn es nun aber von einem Meister (Erbauer) geworfen wird, kehrt es wiederum zu dem zurück, der es geworfen hat. Vergil erinnert in seinen Worten daran: „Nach Art der Teutonen pflegte man Wurfkeulen zu schleudern". Von da rufen sowohl die Spanier als auch die Germanen diese teutonas.

Erläuterungen (z.T. aus kritischem Kommentar):
clava,ae f.:ist ein mit einem dicken oberen oder unteren Ende versehener Stock (eine Wurfkeule)
cateia,ae f.: (keltisches Wort) ist eine Art Wurfkeule der Gallier und Germanen (Zitat aus engl. Übersetzung/Kommentar OLD: „a curved missile weapon - perhaps a boomerang"/ Langenscheidt Wörterbuch: „eine Art Bumerang")
caia,ae f.: ein „Prügel", seltenes Wort (bei Isodorus belegt)
cubitum, i n.: die Elle (damals 44cm)

Bereits bei der Auswertung dieser Textstelle wird klar, wie groß der interpretatorische Spielraum ist. Beachtenswert ist jedoch allemal, daß sowohl anerkannte englische als auch deutsche Fachwörterbücher die Möglichkeit einräumen, daß dieser Bericht die Beschreibung eines Bumerangs enthält. Die Existenz von Bumerangs im damaligen Europa wird also durchaus für möglich gehalten.

Gleichermaßen muß jedoch ebenfalls eingeräumt werden, daß mythische Helden und Götter häufig Waffen tragen, die stets von allein zurückkehren.

Die Maßangabe von einer halben Elle - zur damaligen Zeit der kleinwüchsigeren Menschen etwa 22cm - spricht allerdings bei der Schwere des beschriebenen Gerätes nicht gerade dafür, daß es sich bei der cateia um ein Kehrwiederholz gehandelt hat.

Eine zweite von LENOCH herangezogene historische Textstelle hilft diesbezüglich nicht weiter, da letztlich ungeklärt bleibt, was eine cateia ist. Caius Silius Italicus schreibt (Übersetzung B.R.):
Dann erst lernten die Maker von Cinyps, wie man im Lager nach phönikischer Art Zelte aufschlägt; Bärte, die vor Schmutz starren, bedecken die Gesichter der Männer; Felle einer haarigen Ziege bedecken ihre Schultern; die Hand ist mit einer Cateia (s.o.) bewaffnet.

Im folgenden haben wir versucht, die Texte LENOCHS mit kartographischer Hilfe im Überblick zu erfassen.